Exzentriker im System der Künste

11. / 12. Juli 2008

in der Graphischen Sammlung des Kunsthistorischen Instituts, Wilhelmstr. 32 (Bonatzbau der Universitätsbibliothek, 1. Stock), Tübingen

 
     
 
     

INHALT

Als Exzentriker gelten Personen, die durch auffälliges Verhalten gesellschaftliche Normen überschreiten und sich dadurch nicht im Zentrum, sondern am Rande gesellschaftlicher Systeme bewegen – ex centro eben. Künstler werden genauso wie leidenschaftliche Sammler mit ungewöhnlichen Sammlungsvorlieben zu dieser Gruppe gerechnet. Anders als bei Fremdheitskonstruktionen sind Exzentriker jedoch Teil des Eigenen: Die moderne Gesellschaft bedarf ihrer, um etwa ein bürgerliches Freiheitsideal und die Idee von Individualität symbolisieren zu können.

Gemeinsam mit Gästen aus Soziologie, Politikwissenschaften, den Philologien und der Kunstgeschichte werden wir der Geschichte und Funktion dieses Identitätsentwurfes nachgehen und diskutieren, welchen Nutzen das zentristische Modell für kunsthistorische Analysen haben kann. Was ist etwa mit Künstlerinnen, die per se am Rande stehen? Wie passen die Strukturen der Vormoderne in das Bild, wie soll mit der Veränderung von Werturteilen verfahren werden? Und lässt sich die „Überdehnung des Ich“, die generell individuelles Erleben im Spannungsverhältnis zur Norm kennzeichnet, beispielsweise nicht viel wertneutraler mit der um zwei Pole kreisenden Ellipse ausdrücken? Wäre sie als analytisches Modell für unsere Verortungen der Handlungsmuster von Künstlern, Sammlern, Kuratoren etc. möglicherweise nicht besser geeignet, um deutlich zu machen, dass „ex centro“ nicht zwangsläufig bedeutet, dass es nur eine einzige Vorstellung von Normalität gibt?

 

 

 

PROGRAMM

 
       
      Freitag 16 Uhr

Begrüßung

Einführung: Barbara Lange

Felicitas Dörr-Backes (Roskilde): „Zauberlehrlings Meister – Exzentriker als Sozialcharaktere der Moderne“

Ulrich Bröckling (Leipzig): „Exzentrik zwischen Differenz und Devianz“

Diskussion

 

 
     
19 Uhr
Abendessen  
 

 

  Samstag 10 Uhr

Zusammenfassung vom Vortag                        

Anja Lemke (Frankfurt/Main): „Von der Astronomie zum Charakter. Exzentrik im 18. Jahrhundert“

Maaike van Rijn (Tübingen): „Identitätsentwürfe zwischen Exzentrik und Egozentrik: Jacoba van Heemskerk und Der Sturm

Diskussion

Pause           
                                         
Barbara Wuttke (Tübingen): „Privatsammler als Exzentriker? Sammlerische Extravaganzen zwischen Kunst und Wissenschaften um 1900“

Antje Krause-Wahl (Mainz): „Pop-Inszenierungen – In Bed with Pauline Boty“

Diskussion

 

 
     
16 Uhr
Ende  
 

 

REFERENTEN

Angaben zu Referenten und Abstracts zum Workshops „Exzentriker im System der Künste“ 
am 11. und 12. Juli 2008 alphabetisch aufgeführt:

Bröckling, Ulrich ist Soziologe und Professor für Ethik, Politik, Rhetorik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig. Studium der Soziologie, Neueren Geschichte und Philosophie in Freiburg. Promotion und Habilitation in der Soziologie ebenfalls in Freiburg. Schwerpunkte unter anderem: Soziologie von Sozial- und Selbsttechnologien, Studies of Governmentality, Kultursoziologie, Schul- und Bildungssoziologie, Philosophische Anthropologie sowie die Soziologie des Kriegs und des Militärs.
Vortrag: „Exzentrik zwischen Differenz und Devianz“

Abstract:
Exzentrik zwischen Differenz und Devianz
Soziale Ordnungen erstarren in Konformismus oder ersticken in Repression, wenn sie zu wenig Unterschiede zulassen bzw. diese generell als deviant traktieren. Umgekehrt droht ihnen Anomie, wenn sie nicht in der Lage sind, zwischen erwünschten, akzeptierten und nicht tolerierbaren Differenzen zu unterscheiden und eindeutige Zonen der Devianz zu bestimmen. Exzentrische Praktiken finden sich dort, wo die Grenzen zwischen Differenz und Devianz unsicher geworden sind. Sie loten überschreitend jene Zwischenräume aus, wo Vielfalt problematisch wird und Abweichungen normal werden.

 

Dörr-Backes, Felicitas Studium in München und Roskilde, Promotion in München in Kultursoziologie. Lebt und arbeitet in Roskilde (Dänemark) und ist dort als Lehrerin tätig. Publikationen zu Exzentrikern und Sonderlingen.
Vortrag: „Zauberlehrlings Meister –Exzentriker als Sozialcharaktere der Moderne“

Abstract:
Zauberlehrlings Meister –Exzentriker als Sozialcharaktere der Moderne
Exzentriker nehmen im Gefüge moderner Kulturen eine gewichtige Sonderposition ein. Bislang wurde diese aber noch recht wenig kulturwissenschaftlich beleuchtet, weil Exzentriker als versprengte, verschrobene Sonderlinge und nicht als kultursoziologisch relevante Gruppe galten. Das soll sich ändern und deshalb möchte ich in meinem Beitrag die Kulturbedeutung des Typus „Exzentriker“ unterstreichen. Dies geschieht zunächst unter Rückgriff auf das Kulturverständnis der soziologischen Klassiker Georg Simmel und Max Weber sowie Alois Hahns Theorie von der Etablierung einer strukturellen Fremdheit in modernen Kulturen. Darauf aufbauend möchte ich zeigen, dass sich im Prozess gesellschaftlicher Modernisierung eine strukturelle Exzentrik etabliert hat, die eine fruchtbare Wechselwirkung zwischen exzentrischen Individuen und modernen Kulturen aufrecht erhält. Diese Perspektive eröffnet einen neuen kulturwissenschaftlichen Zugang zum Phänomen „Exzentrik“, das nun als spezifische kulturelle Form in der Moderne gelten kann. Exemplarisch möchte ich auch am Bereich der Kunst illustrieren, wie diese Beziehung funktioniert und welche Vorteile sie für alle Beteiligten hat.

 

Krause-Wahl, Antje studierte Kunst/Kunsterziehung, Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Kiel und Wien. 2000-2003 Stipendiatin des Graduiertenkollegs „Psychische Energien Bildender Kunst“ am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Frankfurt. 2005 Promotion in Leipzig, seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie für Bildende Künste in Mainz.
Vortrag: „Pop-Inszenierungen - In Bed with Pauline Boty“


Abstract:
Pop-Inszenierungen - In Bed with Pauline Boty
Durchblättert man populäre Zeitschriften findet man immer wieder Berichte über KünstlerInnen, in denen nicht das Werk, sondern ihre exzentrische Person im Zentrum stehen. Hierbei handelt es sich um kein neues Phänomen. Vor allem im Kontext der Pop art, in der KünstlerInnen Produkte der Massenmedien aufgreifen, wird die (Selbst)Präsentation in ebendiesen wichtiger Bestandteil ihrer (Selbst)Konstruktion.
Der Vortrag analysiert die (Selbst)Inzenierungen der britischen Künstlerin Pauline Boty. Im Hinblick auf Tracey Emin, zu deren Inszenierung sich auffällige Parallelen finden lassen, wird zudem über eventuelle Verschiebungen der Figur der Exzentrikerin im System der Künste nachgedacht.

 

Lemke, Anja ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Frankfurt/M. Studium der Literaturwissenschaft, Hispanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Freiburg, Madrid und Hamburg. Promotion mit einer Arbeit zu Martin Heidegger und Paul Celan, Habilitation zu Erinnerungstheorien in der Moderne.
Vortrag: "Von der Astronomie zum Charakter. Zur Exzentrik im 18. Jahrhundert am Beispiel Friedrich Hölderlins"


Abstract:
Von der Astronomie zum Charakter. Zur Exzentrik im 18. Jahrhundert am Beispiel Friedrich Hölderlins
Der Begriff der Exzentrik stammt ursprünglich aus der Astronomie als Bezeichnung für die Umlaufbahn der Planeten. Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts benennt er vorwiegend jene Charaktereigenschaft der "Überspanntheit", mit der der Begriff heute allgemein assoziiert wird. Dieser Bedeutungswandel vollzieht sich maßgeblich durch die Aufnahme und Transformation astronomischer Modelle im Rahmen der naturgeschichtlichen, philosophischen und ästhetischen Diskurse des 18. Jahrhunderts. Am Beispiel von Hölderlins Begriff der "exzentrischen Bahn", der für seine Poetik und Geschichtsphilosophie von zentraler Bedeutung ist, soll diese Begriffsverschiebung nachgezeichnet werden.

 

van Rijn, Maaike hat in Tübingen und Leiden (NL) Kunstgeschichte und Neuere deutsche Literatur studiert. Derzeit als Promotionsstipendiatin der Stiftung der deutschen Wirtschaft Arbeit an einer kunsthistorischen Dissertation zu Künstlerinnen bei der expressionistischen Künstlergruppe `Der Sturm`.
Vortrag: „Identitätsentwürfe zwischen Exzentrik und Egozentrik: Jacoba van Heemskerck und Der Sturm


Abstract:
Anhand der niederländischen Künstlerin Jacoba van Heemskerck (1876-1923), die sich jahrelang besonders aktiv bei der Berliner Künstler- und Literatengruppe Der Sturm engagierte, soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Rolle  einer Künstlerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts per se exzentrisch war. Unangepasst, selbstsicher, auf den gesellschaftlichen Fortschritt bedacht, idealisiert und in jedem Fall nicht den Erwartungen an sie entsprechend, nahm Jacoba van Heemskerck innerhalb des Sturms, aber auch innerhalb der Kunst ihres Landes eine durchaus exzentrische Rolle ein. Dies lag jedoch weniger an ihrer „exzentrischen Art“, als vielmehr an ihrem Geschlecht und damit einhergehend an den Erwartungen, die an sie als „Frau“ gestellt wurden.
Anhand von van Heemskercks Rolle im Sturm, den man als einen gesellschaftlichen Mikrokosmos verstehen kann, soll im Vortrag betrachtet werden, welche Mechanismen einsetzen und welche Strukturen zum Tragen kommen, wenn in wechselseitiger Abhängigkeit zwischen Umwelt und Individuum Begriffe und Bilder von Normalität und Exzentrik geschaffen und genährt werden. Damit lässt sich der Begriff des Exzentrikers als Zuschreibung auch in Hinblick auf seine Begrifflichkeit und Kategorienbildung diskutieren.

 

Wuttke, Barbara Nach Tätigkeit als Redakteurin einer Tageszeitung Studium der Kunstgeschichte und Mittleren und Neueren Geschichte in Leipzig. Seit 2007 Doktorandin an der Universität Tübingen, Dissertation zum Thema „Die Passion des Sammelns – Privatsammler um 1900 zwischen Wissenschaft, Kunst und Erinnerungskultur“.
Vortrag: „Privatsammler als Exzentriker? Sammlerische Extravaganzen zwischen Kunst und Wissenschaften um 1900“


Abstract:  
Privatsammler als Exzentriker? Sammlerische Extravaganzen zwischen Kunst und Wissenschaften um 1900
Als „Sitten-Fuchs“ wurde der aus Göppingen stammende Eduard Fuchs (*1870 - +1940) mit seiner sechsbändigen „Illustrierten Sittengeschichte“ (1908-1912) berühmt, doch schon zuvor war er berüchtigt: Nicht nur als engagierter Sozialdemokrat und Redakteur der bissigen Satirezeitschrift „Süddeutscher Postillon“, sondern vor allem aufgrund seiner Forschungsinteressen, die sich unter anderem durch eine Vorliebe für Objekte aus dem Bereich der Erotik auszeichneten und deretwegen er nicht nur einmal vor dem Kadi zur Rechenschaft gezogen wurde. Sowohl als Forschender als auch als Sammler war er ein „Outsider“, denn Grundlage der Publikationen von Fuchs war seine eigene umfangreiche Privatsammlung. Diese enthielt nicht nur Bildobjekte für seine Publikationen unter anderem über Sittengeschichte, erotische Kunst und Karikatur, sondern auch Werke von Künstlern, denen sich das Interesse der einflussreichen offiziellen Institutionen, die sich mit Kunst und Kultur befassten, (noch) nicht zugewandt hatte. Fuchs agierte damit zwar am Rande offizieller Wissenskultur und Sammlungsinteressen, jedoch zumindest zu damaliger Zeit keineswegs unbeachtet von diesen.
In meinem Vortrag möchte ich diskutieren, ob die Position eines passionierten Privatsammlers und Kulturforschers, wie Fuchs einer war, im damaligen Wissenschafts- und Gesellschaftssystem als "exzentrisch", also als außerhalb des Mittelpunkts, lokalisiert werden sollte. Oder ob nicht vielmehr derartige Privatsammler und Kulturforscher als paritätische Mitglieder dieser Systeme anzusehen sind, in denen sie spezifische Aufgaben übernahmen, die nur in der Forschung bislang zuwenig Berücksichtigung erfahren haben. Dies würde auch bedeuten, dass wir das Zusammenspiel von öffentlichen und privaten Sammlungen, öffentlich geförderter, sanktionierter Wissenskultur und tatsächlich praktizierten Interessen neu bewerten müssen.

 

 
 

ANMELDUNG

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wuttke@workshops-kunstgeschichte.de